Überraschung unserer Lesepatin

Zur Weihnachtszeit überraschte unsere Lesepatin Frau Collignon die Kinder mit einer selbst geschriebenen Geschichte!

Lesepatin 1
Lesepatin 2
Lesepatin 3

Hier kannst du die schöne Geschichte nochmal nachlesen:

Der vergessene Wunschzettel

Es war Winter. Schneeflocken tanzten fröhlich vom Himmel. Tausende Schneekristalle verwandelten die Landschaft in einen Wintertraum. Sie bedeckten Hügel und Täler, Bäume und Wiesen, Straßen und Dächer. Es schien ein friedlicher Zauber in der Luft zu liegen. Alles war ruhig, alles schlief – bis ein leises, sanftes Klingeln zu hören war. Hoch oben im Himmel war etwas zu sehen. Es konnte keine Schneeflocke sein, denn dafür war es zu groß. Und es wurde immer größer. War das ein kleines Kind, dass vom Himmel herabflog? Nein, das konnte nicht sein. So etwas war nicht möglich. Inzwischen war es den Häusern so nah, dass man seine Gestalt genauer erkennen konnte. Es war ein Engel! Ein kleiner Engel mit weiß-goldenen Flügeln, einem weißen Kleidchen und nackten Füßen. Goldener Staub umgab die Flügel und hinterließ eine wunderschöne Spur in der Luft.

Der kleine Engel lächelte sanft und flog tanzend von Haus zu Haus. Gut gelaunt summte er ein Lied und eine leise Glockenmelodie begleitete ihn. Der Engel war fröhlich. Er sammelte hingebungsvoll Zettel von den Fensterbänken. Manche Zettel waren sehr groß, andere dagegen klein. Manche liebevoll bemalt und beklebt, andere fleißig beschrieben. Die einen waren kunterbunt und die anderen schlicht und einfach. Sie waren alle verschieden und doch hatten sie etwas gemeinsam. Es waren die Wunschzettel der Kinder dieses Dorfes. Und alle Kinder hofften, dass sich einige ihrer Wünsche an Weihnachten erfüllten.
Der Engel war mit dem Einsammeln der Wunschzettel in diesem Ort beinahe fertig, doch dann hielt er inne. Bei einem Haus wurde er nachdenklich. Er war sich sicher, dass ein Kind darin wohnte. Im Garten stand eine Schaukel, der Schlitten war neben der Haustür in den Schnee gefallen und auch andere Spielsachen spitzten aus der Schneedecke heraus. Doch es lag kein Wunschzettel auf den Fensterbrettern. Langsam und vorsichtig flog der Engel näher an die Fenster heran. Er versuchte einen Blick ins Innere des Hauses zu erhaschen, doch der Schnee und Frost machten es unmöglich, etwas zu erkennen. Ob er morgen noch einmal kommen sollte? Vielleicht war der Wunschzettel noch nicht fertig?

Doch ein Kribbeln im Bauch hielt den Engel zurück. Der kleine Engel sammelte schon seit unzähligen Jahren Wunschzettel ein und wusste, dass er auf sein Bauchkribbeln vertrauen konnte. Deshalb wollte er nun im Haus nach dem Rechten sehen. Das Engelchen flog einmal um das Haus herum, bis der goldene Staub der Flügel alles einhüllte. Als der Goldstaub alles bedeckte, öffnete sich wie von Geisterhand die Tür des Hauses und der Engel flog hinein.
Die Wohnräume waren festlich geschmückt und prächtig herausgeputzt. Die Kugeln und Sterne am Weihnachtsbaum glänzten und funkelten. Es duftete nach Plätzchen, Mandarinen und Nüssen. Alles war für das Weihnachtsfest bereit und die Freude auf das Christkind war zu spüren. Der kleine Engel war froh und erleichtert, als er dies sah. Doch er verstand noch immer nicht, warum er keinen Wunschzettel fand?
Er suchte auf den Tischen und Stühlen, hinter Schränken, Gläsern und Vasen. Selbst im Papierkorb war nichts zu finden. Ratlos drehte sich der Engel einmal um sich selbst. Plötzlich entdeckte er etwas unter dem Weihnachtsbaum. Der Wunschzettel! Er war bunt bemalt und mit Liebe gestaltet. Warum lag er wie vergessen unter dem Baum? Viele Wünsche standen darauf. Ein neues Fahrrad, Buntstifte, ein Kartenspiel, ein neuer Rucksack und vieles mehr. Nachdenklich hielt der Engel den Wunschzettel in der Hand.

Dann lächelte er plötzlich schelmisch und blickte prüfend über seine Schulter, als ob er sichergehen wollte, dass ihn niemand beobachtete. Das Engelchen holte tief Luft und blies sacht Goldstaub über den Wunschzettel. Eine Wolke entstand und ein Bild war darin zu erkennen. Das Bild zeigte die Familie des Hauses. Der Engel konnte sehen, wie die Eltern mit ihrem Kind am Nachmittag gemeinsam gesungen und gespielt hatten. Es war ein Junge. Und er wirkte trotz der schönen Familienzeit bedrückt. Der Engel blies noch einmal Goldstaub über das Bild. Nun konnte er verstehen, was an diesem Nachmittag gesprochen worden ist.
Der Junge erzählte von einem Freund, dessen Vater schwer krank geworden ist. Er war deswegen sehr traurig und besorgt - und zugleich erleichtert, dass es den eigenen Eltern gut ging. Dies beschäftigte den Jungen sehr. Das Fahrrad, die Stifte, das Kartenspiel und der Rucksack reizten ihn sehr. Und jedes Jahr kamen neue Wünsche dazu. Aber seine Eltern waren ihm tausendmal wichtiger als die vielen austauschbaren Dinge. Sie waren immer für ihn da. Sie trösteten ihn, wenn er traurig war. Gaben ihm Mut, wenn er ängstlich war. Erklärten ihm alles, was er nicht verstand. Und vieles mehr. Er konnte sich ein Leben ohne seine Eltern gar nicht vorstellen. Mit diesem Gedanken eilte er in die schützenden Arme seiner Mutter. Der Wunschzettel war nicht mehr wichtig. Er hatte ihn einfach vergessen.

Der Engel war sehr berührt und sein Herz quoll über vor Freude. Dieser Junge hatte etwas sehr Wichtiges gelernt. Sein Herz war rein und aufrichtig. Der kleine Engel konnte es kaum erwarten, im Himmel von diesem wundervollen Jungen zu erzählen. Beschwingt und beinahe übermütig tanzte das Engelchen durch die Räume. Es verteilte Goldglitzer in allen Ecken des Hauses und schenkte der Familie damit einen besonderen Segen.
Zuletzt nahm der kleine Engel den Wunschzettel des Jungen voller Zuneigung an sich. Prüfend schaute er sich um, ob noch alles an seinem rechten Platz stand. Dann verließ er dieses glückliche Heim. Er flog höher und höher dem Himmel entgegen. Kurz bevor der Engel hinter der schützenden Wolkendecke verschwand, blickte er noch einmal auf das Dorf zurück. Er freute sich bereits auf nächstes Jahr, wenn er wieder zu den Menschen kam, um Wunschzettel und Geschichten wie diese zu sammeln. Dann flog er weiter und die Wolken verbargen seinen Weg. Der Goldstaub verschwand und die Glöckchenmelodie verklang. Ruhe umgab die friedliche Winterlandschaft und tausende Schneeflocken tanzten fröhlich vom Himmel.

Bild Collignon